Martina Proprenter MA

frei selbst ständig

 

Reportage: Fantasy Basel

(erschienen am 17.05.2015 in Der Sonntag)


Sei dein Superheld

Spiele ohne Grenzen: Auf der FANTASY BASEL ist Verkleidung wie im Comic Pflicht

Dieses Wochenende ist Basel Hauptstadt der Elben, Superhelden und Cosplayer. Die Messe Fantasy Basel öffnet sich für die Parallelwelt der Computerspiel und Comicfans.

  MARTINA PROPRENTER

Ein halbes Jahr lang hat Niki dieser Messe entgegengefiebert, und am Freitag wartet er endlich stolz mit frisch gebautem Arc-Reaktor am Ticket-Schalter, um uns als Insider durch die Welt der Gamer und Cosplayer zu führen. Sobald sich die Türen zur Eventhalle öffnen, ruft er mit blitzenden Augen entzückt „Ohhh, Batman, wow, Stormtrooper“. Im Sekundentakt kommen neue Cosplayer zwischen den Ständen hervor. Das sind Menschen, die sich als ihre Lieblingsfiguren aus Comics und Computerspielen verkleiden. Jedes Detail, jede Facette der Verkleidungen werden mit Kennerblick geprüft.


 

Wohin zuerst? Nach einem kurzen Blick auf den Lageplan entscheiden sich Niki, der aus Angst um seine berufliche Reputation anonym bleiben möchte, und sein Freund Michael für das geordnete Chaos: einfach mal loslaufen. Vorbei an Waffen, Animefiguren und echter Pelzkleidung führt der Weg zu Besuchern, die sich mit blauen und roten Stöcken schlagen. Pardon, sie sind beim O Gumdo, verbessert Niki mit hochgezogener Augenbraue. Korrekte fachliche Ausdrucksweise nimmt die Szene sehr ernst. Zum Glück hat Niki nicht mitbekommen, wie Michael von „Star Trek“ erzählt und eigentlich „Star Wars“meint. Ein Affront für beide Seiten.


 

„Die Messe ist aber nicht nur etwas für Cosplayer“, unterstreicht Mohan Mani, Mediensprecher der Fantasy Basel. Zu seinem Bedauern wurde das im Vorfeld von einigen Medien so gedruckt. Dem Andrang hat es aber nicht geschadet. Mit 6500 Besuchern am Donnerstag war die Messe gleich am Eröffnungstag ausverkauft, ebenso am Freitag. Am Samstag kamen sogar noch mehr Besucher. Höchstens ein Drittel davon kostümiert, wobei auch schon Fanshirts mit Batman- oder Avengers-Logo zählen. Denn spätestens mit der Fernsehserie „The Big Bang Theory“ und der Flut an Comicverfilmungen hat es Fantasy in den Mainstreamgeschafft. Zur Freude der Veranstalter. Im Festival-Guide wird etwa beschrieben, dass der Begriff „Fantast“ lange Zeit negativ konnotiert war. Dabei seien es doch gerade die Kreativen, die mit dem Blick über den Tellerrand die Gesellschaft prägen und voranbringen. Niki und Michael zieht es derweil weiter zur Halle 4,die als Gamer-Halle beworben wird. Es sind aber weder die Nintendo noch die Playstation-Konsolen, die Nikis Blick auf sich ziehen, sondern eine Kiste Äpfel. Warum die da ist? „Wir möchten das Image der Bibliotheken aufpolieren“, erklärt Michele Salvatore, soziokultureller Animateur der Kantonsbibliotheken. Dazu gehören für ihn auch gesunde Äpfel. Die sind bei den Gamern derart begehrt, dass er kurz nach Messeeröffnung weitere nachkaufen musste. In der liebevoll aufgebauten Bibliothek im Miniaturformat mit Sesseln und Sofas sitzen Besucher und lesen Comics, oder genauer: Graphic Novels. Denn so möchten die Fans ihre illustrierten Romane bezeichnet und wertgeschätzt wissen. Neben Desirée, die in ihrem Poetry Slam erklärt, was Schweizerisch ist („’s Löchli im Käs“ oder „Berge, Geißen und Kühe“) sitzen zwei junge Männer im Bademantel. „Warum nicht?“, antworten die Basler auf die offenbar blöde Nachfrage.


 

Also schnell weiter zur längsten Schlange in der Halle. 60 Besucher stehen geduldig an, während an einem Tisch vier Frauen und Männer mit Virtual-Reality-Brillen sitzen. Diese simulieren eine virtuelle Realität, also eine computergenerierte Welt, in der verschiedene Sinneseindrücke wie Geruch, Sehen, Geräusche und Berührungen dargestellt werden. Wie sich das anfühlt? Niki möchte sich nicht anstellen, im Schnitt müssen die Besucher nämlich 30 Minuten warten, um die Brille fünf Minuten tragen zu dürfen. Am Donnerstag waren es sogar 60 Minuten Wartezeit. Vert Nguyen, Projektentwickler bei Samsung, freut der Andrang: „Viele stellen sich nach den fünf Testminuten direktwieder in die Schlange.“ Denn die vier Brillen sind Prototypen, die er extra einfliegen ließ.

 


Nguyen bestätigt auch den Eindruck, dass sehr viele Frauen unter den Besuchern sind, obwohl sich das hartnäckige Klischee hält, dass Gamer und Fantasy-Fans immer männlich seien. Ein Klischee, das auch Niki stört. An einem Stand hat er die Lederjacke von Batman entdeckt, die er eigentlich schon lange kaufen wollte. „Das ist doch Sexistenscheiße, dass es die nicht in Frauengröße gibt“, wird Niki laut, „auch Frauen sind Fans von Batman.“ Er lebt postgender, das heißt, er identifiziert sich männlich in einem Frauenkörper.

 

Ohne Jacke geht es also weiter ins Untergeschoss. Hier locken die aus Kindertagen bestens bekannten Nintendo-Töne von Super Mario. Doch den gibt es nicht nur auf dem alten klobigen Gameboy, sondern auf der großen Bühne. Die Swiss Nintendo League trägt vor begeisterten Zuschauern ein Mario Kart Turnier aus. Nur zuschauen macht Niki und Michael aber wenig Spaß, im Gegensatz zum Gros der Zuschauer, die jubelnd jeden taktischen Kniff der Spieler unterstreichen. Um selbst zu spielen, müsste man sich aber wieder anstellen.Nach rund einer Stunde haben Niki und Michael genug gesehen. Besonders Niki ist enttäuscht, dass an vielen Ständen – aus seiner Sicht – billige Waren aus China angeboten werden.

 

Für ein „episches Gefühl“ hätte er die Messe lieber in einer Halle über mehrere Stockwerke gehabt. „Cool“ findet er zwar die große Auswahl an Fantasy- und Anime-Angeboten, hat aber die restlichen Mitglieder des Superheldenteams Avengers vermisst. Schließlich hat er sich extra für die Fantasy Basel einen Arc-Reaktor bauen lassen, der bläulich unterm Shirt hervorschimmert. Ähnlich dem von Tony Stark alias Iron Man. Ausgestattet mit dem Akku einer Digitalkamera hätte dieser sechs Stunden durchgehalten. So muss er eben auf dem Heimweg weiterleuchten


 

In der Halle wird es indes immer voller. Ob die anderen Besucher auch enttäuscht sind? Eine Basler Gruppe um Batman ist prinzipiell zufrieden, da es schließlich die erste Ausgabe der Messe ist. Besonders das Rahmenprogramm hat ihnen zugesagt, etwa das Greisinger Mittelerde-Museum oder die zahlreichen Auftritte Schweizer Gamer und Zeichner. „Zu klein“ war die Messe indes einem Züricher, dessen Begleiter hofft, dass Cosplay das nächste Mal entweder vorgeschrieben oder mit günstigeren Eintritten prämiert wird. Beide tragen aber selbst keine erkennbare Kostümierung.


 

Trotz martialisch anmutender Verkleidungen und Waffen, die teilweise größer als ihre Besitzer sind, liefen die drei Messetage friedlich ab. Lediglich acht Security-Mitarbeiter haben die Veranstalter angefordert. Zwei auf Waffen spezialisierte Security-Mitarbeiter halten zudem beim Eingang die Augen auf: Waffenkontrolle. Denn zum Cosplay gehören, je nach Charakter, eben Waffen, diese dürfen aber natürlich nicht scharf sein, auch nicht zu spitz. „Viele haben im Vorfeld per Mail nachgefragt, ob sie ihre Waffen mitbringen dürfen“, freut sich Martin Schorno, Initiator der Fantasy Basel. Das habe die Kontrollsituation entspannt, die Security-Mitarbeiter mussten nur wenige Waffen konfiszieren, und die Cosplayer konnten ihren Auftritt foll ausstaffiert genießen. Eine Information an die Polizei hatte Schorno auch herausgegeben, falls Bürger während der Messe anrufen: „Wenn jemand schwer bewaffnet aus der Tram steigt, kann das heutzutage leider falsch interpretiert werden.“ Dass es im kommenden Jahr eine weitere Fantasy Basel gibt, steht für Mediensprecher Mani bereits fest. In welchem Umfang, wird die Planung zeigen. „Die Feinabstimmung machen wir noch.“  

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