Martina Proprenter MA

frei selbst ständig

 

Porträt: Deutsch-Französischer Tag

(erschienen am 22.01.2015 in der Badischen Zeitung)


Franzosen gehen stets auf die Straße

DEUTSCH-FRANZÖSISCHER TAG: Elodie Alb Martin erklärt die große Streikbereitschaft ihrer Landsleute.

Die Nähe zu Frankreich ist bei im Dreiländereck nicht nur geografisch bedingt, auch die enge Freundschaft zur Partnerstadt Fécamp trägt zur kulturellen Verständigung bei. Dennoch Vorurteile und Meinungen über die Nachbarn halten sich hartnäckig. Etwa die Frage: „Freche Franzosen –  zahme Deutsche?“ Zum heutigen Deutsch-Französischen Tag erzählt Elodie Alb Martin, die vor 17 Jahren aus Nizza nach Rheinfelden kam, wie frech ihre Landsleute wirklich sind und wo die Deutschen ihre Nase reinstecken.

  MARTINA PROPRENTER


Der erste Kulturschock

Vor 17 Jahren zog es Elodie Alb Martin der Liebe wegen von Nizza nach Rheinfelden. „Keiner hat mich darauf vorbereitet, dass die Deutschen nicht deutsch sprechen“, lacht die 43-Jährige, als sie sich an ihre erste Terminvereinbarung erinnert. Heute weiß sie natürlich, was mit „Zischdig, dreiviertel Nüni“ gemeint ist.

Sind die Deutschen wirklich so zahm? „Ich war überrascht, dass man sich hier in einer Schlange anstellt, in Frankreich wird sich einfach vorgedrängelt.“ Auch dass an Zebrastreifen angehalten wird, war ihr fremd, so lief sie anfangs bei roten Ampeln über die Straße, überfuhr Zebrastreifen und drängelte sich an Schlangen vor, ohne schlechtes Gewissen. „Mittlerweile bin ich aber eingedeutscht“, versichert Alb Martin lachend. Als sie ihrem Mann aber vom Artikel-Thema erzählt hat, habe er ihr versichert: „Frech passt zu dir, die Franzosen sind alle frech!“


    

Demonstrieren aus Prinzip

„Die Franzosen gehen immer gleich auf die Straße“, meint Alb Martin und fügt schmunzelnd an: „Schummeln und Streiken ist Nationalsport.“ Als Schülern und Studentin hat sie sich selbst an Protesten beteiligt, „vor allem, um den Unterricht schwänzen zu können.“ Eine Erklärung, warum die Franzosen so gerne demonstrieren, hat sie auch parat: Themen, wie aktuell die Meinungsfreiheit, werden einfach aus Prinzip unterstützt. „Keiner hat Charlie Hebdo früher gelesen, aber jetzt sind alle Fans“, nennt sie als Beispiel. Zuletzt war sie bei der Mahnwache des Freundeskreises Asyl, um zu protestieren. Wäre die Praxisgebühr in Frankreich eingeführt worden, wären die Bürger direkt auf die Straße gegangen, ist Alb Martin sicher. „Der Franzose geht zwar nicht zum  rzt, würde aber aus Prinzip gegen die Gebühr protestieren“, lacht sie, „vielleicht hört ja doch mal einer zu.“ Warum die Deutschen so selten öffentlich protestieren? „Meine frühere Chefin meinte, die Deutschen gehen nicht auf die Straße, weil es ihnen noch zu gut geht“, so Alb Martin.


   

Zahm, aber neugierig

Mit Vorurteilen setzt sich Alb Martin auch beruflich auseinander, arbeitet als Französisch-Dozentin an der Volkshochschule. So zahm die Deutschen ihr erscheinen, manchmal schlagen sie doch über die Stränge: „Wer drei Kinder hat, gilt als asozial, bei Vieren hat man keine Ahnung von Verhütung und mit fünf Kindern gilt man als streng religiös“, ärgert sich die fünffache Mutter, dass die respektvolle Zurückhaltung, die sie an den Deutschen so schätzt, gerade bei diesem privaten Thema endet. Sie versteht auch nicht, wieso sich viele von ihren Nachbarn diktieren lassen, wie hoch das Gras stehen darf, denn „in Frankreich interessiert es einen nicht, was die Nachbarn denken.“ Mit Blick auf ihre kuriose erste Terminvereinbarung in Rheinfelden, will sie in ihren Kursen an der VHS nun auch kulturelle Feinheiten verstärkt vermitteln, ganz im Sinne der kulturellen Verständigung, für die der Deutsch-Französische Tag gedacht ist. Dieser wird bereits seit 2004 gefeiert. Anlass war der 40. Jahrestag der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags am 22. Januar 2003, an dem Jacques Chirac und Gerhard Schröder den 22. Januar zum Deutsch-Französischen Tag.

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