Martina Proprenter MA

frei selbst ständig

 

Analyse: Big Mother is watching you

(erschienen im Mai 2015 im Elternmagazin Fritz+Fränzi)


Big Mother is watching you

Im Netz werden Überwachungs-Apps für Eltern bereits als Glucken-Apps verspottet, die nur Helikopter-Eltern nutzen würden, also solche, die ihre Kinder überbehüten. Seit ein paar Monaten werden immer neue Apps entwickelt, die der Überwachung der Kinder dienen. Möglich ist dies, da 97 Prozent der Schweizer Jugendlichen ein Smartphone besitzen, so die aktuelle James-Studie, und damit die mediale Voraussetzung für eine Überwachung gegeben ist.

Martina Proprenter

„Strafe muss sein!“, meint die Baslerin Mariya Lachat. Ihrem zwölfjährigen Sohn hat sie ein Smartphone gekauft, unter der Bedingung, dass er damit für sie erreichbar ist. Doch wenn sie ihn anruft, geht er oft nicht dran. „Er sagt dann, er hätte es nicht gehört“, erzählt Lachat. Nun testet sie die App „Ignore me not“. Ruft der Sohn nicht zurück, wird sie sein Smartphone fernsperren. Auf dem verriegelten Kindersmartphone funktionieren dann nur noch zwei Nummern: die Notrufnummer und die der Eltern. Um das zu ändern, ist ein Code nötig, den die Kinder nur von den Eltern bekommen können.

Um dem Nachwuchs medial auf die Finger zu schauen, müssen Eltern heuer keine Informatikexperten sein. Kostengünstig sind für IOs (Apple) und Android zahlreiche Apps erschienen: Mit der „Dinner Time App“ kann das Smartphone für eine bestimmte Zeit deaktiviert werden, etwa während der Schulzeit oder fürs gemeinsame Abendessen. Die „Pocket Nanny“ informiert Eltern, wenn Kinder ein vorher definiertes Gebiet verlassen. Komplettüberwachung ist mit „Canary Safe“ oder „Mobile Watchdog“ möglich: Anruflisten, Textnachrichten oder verwendete Apps, so ziemlich jede Aktivität mit dem Smartphone lässt sich überwachen. Mittels GPS sehen Eltern jederzeit den Aufenthaltsort des Kindes auf dem eigenen Smartphone, können die Surfzeit begrenzen oder die Verwendung von Apps einschränken.

Eine App als moderne Erziehungshilfe? „Erziehungsmethoden, die erwünschtes Verhalten  mit drastischen Strafen erzwingen funktionieren pädagogisch weder on- noch offline“, meint dazu Philippe Wampfler. Als Lehrer, Kulturwissenschaftler, Blogger und Experte fürs Lernen mit neuen Medien wurde er schon oft gefragt, in welchem Rahmen er Überwachungs-Apps für sinnvoll hält. Wichtig ist für Wampfler, dass Eltern den Kindern klar sagen, wie und weshalb sie diese Apps nutzen: „Sie ersetzt aber nicht das Vertrauen in die Fähigkeit des Kindes.“

Bei der  Frage, ob Überwachungs-Apps sinnvoll sind, oder nicht, geht es um das klassische Spannungsfeld von Vertrauen versus Kontrolle. Wo hört die elterliche Sorge auf und wo fängt die Überwachung an?  Grundsätzlich haben Eltern eine Aufsichtspflicht, erinnert Sabine Widmann Bernauer, Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung der Elternorganisationen. Diese ist seit fast vier Jahrzehnten der Dachverband von rund 70 Elternvereinen, Eltern- und Familienclubs in den Gemeinden, vorwiegend in der deutschsprachigen Schweiz. Für Widmann Bernauer ist es fraglich, ob Tracking-Apps ein geeignetes Mittel sind, die Elternpflichten war zu nehmen: „Das gesamtgesellschaftliche Problem ist ja, dass wir in einem Umfeld aufwachsen, wo alle – auch die Erwachsenen – ständig erreichbar und auffindbar sind via mobiler Endgeräte.“

Dass die Angst der Eltern vor den Einflüssen in der heutigen medialen Zeit gewachsen ist, versteht Schulsozialarbeiterin Daniela Dietrich, die in Kaiseraugst für Primarschule, Kindergarten und Oberstufe der Kreisschule Unteres Fricktal zuständig ist. Für Dietrich hat diese Überwachung zur Folge, dass das Kind das Gefühl bekommt, dass die Eltern ihm nicht vertrauen und ihm auch nichts zutrauen. Kinder fragen und erzählen lassen, wo sie waren, ist für die Schulsozialarbeiterin normaler Vorsicht, die Grenze zur Überwachung ist für sie überschritten, wenn Eltern immer Gewissheit haben möchten. „Die Adoleszenz besteht auch darin, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Sind wir doch mal ehrlich: Eltern müssen nicht alles wissen“, ist Dietrich überzeugt.

Nur weil es möglich ist, heißt das aber nicht, dass die Überwachung rechtlich auch zulässig ist. Eine eindeutige Gesetzesregelung dazu fehlt bisher in der Schweiz. In den UNO-Kinderrechtskonventionen wird aber etwa im Artikel 16 das Recht auf Schutz der Privatsphäre des Kindes festgeschrieben. Eltern dürfen etwa ohne Erlaubnis des Kindes nicht einfach seine Sachen durchsuchen, Briefe lesen und Telefongespräche abhören. Auf die digitale Welt übertragen sind dies genau die Punkte, die Komplettüberwachungs-Apps zugänglich machen. Ein allgemeines Sicherheitsbedürfnis der Eltern reiche aus Datenschutzsicht nicht aus, um ein Kind permanent zu überwachen, sagte der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür jüngst gegenüber dem «Tagesanzeiger».

Eine Empfehlung für Überwachungs-Apps gibt auch Thomas Merz nicht ab. Der Medienpädagoge ist Professor an der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Er kennt aber beispielsweise Familien, bei denen es selbstverständlich ist, dass alle jeweils den Standort des anderen sehen. Dies ist etwa mit „Familonet“ möglich. „Wichtig erscheint mir, dass dies gegenseitig ist“, stellt Merz heraus, „und dass jeder diese Vereinbarung widerrufen kann, ohne dass dies als Misstrauensvotum betrachtet wird.“

Für einen offenen Umgang und Gegenseitigkeit plädiert auch Tony Anscombe, Sicherheitsexperte der Sicherheitssoftwarefirma AVG, Redner bei der Child Internet Safety Conference in London. „Wir bringen unseren Kindern bei, sicher über die Straße zu gehen oder zu schwimmen“, vergleicht Anscombe, „Online-Sicherheit ist eine Erweiterung dieser Basis-Sicherheits-Informationen.“ Statt die Kinder zu überwachen, rät er etwa einen Google-Alert einzurichten und den Kindern zu erlauben, das gleiche mit den Eltern zu machen. Dabei kann man sich eine E-Mail Benachrichtigung zuschicken lassen, wenn zu einem bestimmten Thema oder auch Namen etwas online veröffentlicht wird. „So ist sichergestellt, dass man weiss, was im Internet über einen steht und man bekommt auch die Möglichkeit, diese Informationen zu ändern“, so Anscombe.

Gegen eine virtuelle Überwachung ist eine Lehrerin aus Basel, Mutter einer 13-Jährigen und eines 14-Jährigen. Sie sagt zwar von sich, sie überwacht ihre Kinder, macht dies aber transparent: Im Beisein der Kinder sieht sie in den Smartphones nach, welche Internetseiten sie besucht oder welche Fotos sie gemacht haben. „Eine Überwachungs-App ist für mich ein Eingriff in die Privatsphäre der Kinder“, verdeutlicht ML, „manchmal möchte ich es zwar gerne, also sie damit überwachen, aber das ist dem Vertrauen nicht förderlich.“


Entscheidungsleitfaden Überwachungs-App

Medienpädagoge Thomas Merz hält Apps ausschliesslich für sinnvoll, wenn Eltern den Kindern dadurch mehr Freiheiten geben als ohne. Einsatzmöglichkeiten sieht er zudem für Kinder mit spezifischen Bedürfnisse, wie Epileptikern, oder inganz besonderen Lebenssituationen, wo ein Einsatz dann aber im Rahmen eines Betreuungskonzepts möglichst auch mit Fachpersonen abgesprochen werden und möglichst mit den Kindern diskutiert werden soll. Medienpädagoge Philippe Wampfler ist es wichtig, dass Eltern den Kindern sagen, wie und weshalb sie die Apps nutzen möchten. Besucht das Kind etwa eine Instrumentallektion und muss danach im Winter einen langen Weg mit viel Verkehr in der Dunkelheit bewältigen, kann es für ihn legitim sein, mit einer solchen App aus der Distanz für Sicherheit zu sorgen.